Leseprobe Menschenskind, Mann!

Kurzbeschreibung:
Verena und Ottmar Tönnissen führen eine glückliche, moderne Ehe, doch dann gerät alles immer mehr aus den Fugen! Obwohl als Modedesigner sehr begabt, hat Ottmar mehr berufliche Probleme, als ihm lieb sein kann. Verena, eine erfolgreiche Bankerin, nimmt eines Tages ein verlockendes, berufliches Angebot an, ist fortan nur noch selten Zuhause und vernachlässigt ihre drei Kinder. Ottmars kleine Welt kollabiert, als Verena aus beruflichen Gründen auszieht und das Kindermädchen kündigt. Eine kurze, heftige Liebschaft endet tragisch und Ottmar ist nicht nur emotional völlig am Boden. Gleichzeitig feiert seine Frau berufliche und private Triumphe en suite. Doch dann beginnen sich die Dinge zu wandeln …

… Am Frühstückstisch ging es hoch her. Sophia, das Kindermädchen, war inzwischen erschienen und versuchte die Kinder zu bändigen. Stephan trat unter dem Tisch seinen Zwillingsbruder regelmäßig gegen die Beine, was der mit Püffen in Stephans Seite beantwortete. Johanna nahm ihren Teller mit Müsli und feuerte ihn quer durch die Küche. Der Teller zersplitterte in tausend Scherben und das Müsli mit Schokoladenmilch tropfte von der Küchenzeile auf den Boden. “Mag’ das nich!”, brüllte sie aufgebracht.
“Fress’ keine Schokolade!” Die Zwillinge grinsten beifällig.
Dass ihre kleinere Schwester keine Schokolade mochte fanden sie komisch, aber immerhin! Das Kindermädchen war außer sich. Ottmar blickte von der Zeitung auf, wollte ein väterliches Machtwort sprechen, besann sich aber und las weiter. Bitte, nur noch den einen Artikel, nur noch fünf Minuten. Das Kindermädchen besaß kein Auto und so musste er vor der Arbeit die Zwillinge noch in den Kindergarten bringen. Verena sah auf ihre Uhr, eine echte Maurice Guerdat. Wie gewöhnlich hatte sie den Wirtschaftsteil der Zeitung auf den Knien. Draußen hupte es. Das Taxi. Sie sprang auf und ergriff ihren Koffer. Es reichte nur noch für einen flüchtigen Kuss auf drei Kinderscheitel, dann war sie verschwunden. Als hätten die drei nur auf diesen Augenblick gewartet, brach jetzt das Chaos los. Die Zwillinge balgten sich auf dem Boden, den Sophia soeben von Johannas Frühstück befreit hatte. Die Kleine selbst begann plötzlich mit hochrotem Kopf zu drücken und noch bevor das Kindermädchen, mit hektisch geröteten Wangen und Schweiß auf der Stirn, eingreifen konnte, entspannte sich Johanna wieder und lächelte zufrieden. Ottmar, der in seine Zeitung versunken war, hob den Kopf, schnüffelte und verdrehte die Augen. Dann legte er das Blatt beiseite. Die Jungen lagen jetzt auf dem Küchenboden und leckten Schokolade. Johanna schrie wie am Spieß und wollte sich nicht von ihrer warmen Pampers trennen. Das Kindermädchen sah aus wie ein Bluthochdruckpatient. Bevor Ottmar seine Söhne in den Kindergarten brachte, nahm er die zweite Dusche dieses Tages….

***
… Als Tönnissen am späten Nachmittag in die Einfahrt seines Hauses einbog, stand Verenas Dienstwagen vor der Garage. Johannas Dreirad lag quer auf der Zufahrt, daneben ein Hausschuh und eine angebrochene Tüte mit Kartoffelchips, deren übriger Inhalt gleichmäßig auf dem Rasen verstreut war. Es war niemand zu sehen. Ottmar verfluchte das Kindermädchen und stieg aus, um die Einfahrt frei zu räumen. Es war seltsam still um das Haus und als er sich schon darüber zu wundern begann, fiel ihm ein, dass Sophia mit den Kindern heute in der Malstunde war. Eine bekannte Künstlerin hatte ihr Studio für Kurse mit Kindern eingerichtet und zum allgemeinen Erstaunen der Eltern gingen alle drei mit Begeisterung dort hin. Sophia brachte sie in die Stadt, nutzte die Gelegenheit für kleinere Besorgungen und holte dir Kinder anschließend wieder ab. Das ganze dauerte in der Regel etwa zwei Stunden. Aber, zum Donnerwetter, sie hätten vorher wenigstens vor dem Haus ein wenig aufräumen können. Es überraschte ihn, dass der BMW schon da war. Vielleicht hatte Verena vorzeitig ihren Dienst beendet. Wenn sie in der Stadt war, kam sie selten vor einundzwanzig Uhr nach Hause. Und dann wurde sie, meistens von Knut Harmsen, gebracht und morgens wieder abgeholt. Dass sie schon da war und offensichtlich selbst chauffiert hatte, war ungewöhnlich. Mit leiser Vorfreude öffnete Ottmar die Haustür. Sie konnten schick essen gehen oder es sich daheim gemütlich machen. Er selbst würde eine Kleinigkeit kochen oder vielleicht lieber doch etwas bei einem Service bestellen. In Gedanken ging er seine Weinbestände durch. Er hatte noch einen besonders kostbaren Tropfen im Keller. Dieser Wein würde zweifellos ganz vorzüglich zu kurz gebratenem Rind passen. Oder zu einer erlesenen Käseplatte mit eingelegten Oliven und Tomaten. Schon als er die Türe hinter sich schloss spürte er, dass irgend etwas nicht in Ordnung war. Es roch seltsam in der Diele und die Portiere zum Wohnzimmer war halb geschlossen.
Er zog den Vorhang zur Seite und sah Knut Harmsen auf dem Sofa sitzen. Er hatte das Jackett an aber seltsamerweise war darunter das Hemd bis zur Taille aufgeknöpft. Die Krawatte hatte er lose um den Kragen gelegt. Neben ihm auf dem Sofa lag zusammengeknüllt ein weiteres Herrenhemd. Die Sofakissen waren wild durcheinander geworfen und einige lagen auf dem Boden. Harmsen rauchte eine merkwürdige schwarze Zigarette und hatte ein Glas Portwein vor sich stehen. Ottmar fiel sofort das gerötete Gesicht des Mannes auf. Von Verena war nichts zu sehen. Als Tönnissen in das Wohnzimmer trat, fuhr der andere erschreckt auf und begann hastig, an den Knöpfen seines Hemdes zu fummeln. Zwischendurch zerrte er an seinem Schlips und zog schließlich das Sakko vor der Brust zusammen. Mit einer raschen Bewegung, etwas zu schnell, fand Ottmar, griff Harmsen dann nach dem Hemd neben sich und stopfte es unter sein Jackett. Tönnissen musterte ihn kalt. Er ließ ihn eine Weile zappeln bis Harmsen sich erhob und zaghaft grüßte. Ottmar ließ den Gruß unbeantwortet.
“Was machen Sie hier? Wo ist meine Frau?”
Harmsens Stimme war tief und fest und bildete so einen seltsamen Gegensatz zu seinem derangierten äußeren Erscheinungsbild.
“Ich habe Ihre Frau kurz nach Hause gebracht. Sie ist oben und zieht sich um. Ich fürchte, wir müssen gleich weiter!”
Tönnissens Inneres war plötzlich hohl und leer. Er fühlte überhaupt nichts. Keine Wut. Keine Enttäuschung. Nichts. Aber seine Stimme troff vor Sarkasmus.
“So! Müssen Sie. Müssen Sie? Oder fürchten Sie, dass Sie müssen?”
“Ja!”, sagte Harmsen sinnlos und Ottmar machte einen Schritt auf den Mann zu und Harmsen ließ sich zurück in die Kissen sinken. Ottmar sah von oben auf ihn herab, die Fäuste in die Hüfte gestemmt. Er suchte nach Lippenstift oder anderen verräterischen Zeichen aber er fand nichts. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er gar nichts derartiges finden wollte. Oder, so er es denn fände, ihn das kalt ließe. Aber dann wallte der Zorn und die Eifersucht in ihm hoch und um ein Haar hätte er Harmsen geschlagen. Er legte die Hände auf den Rücken und verschränkte sie fest ineinander.
“Schmeckt Ihnen der Port?”
Knut Harmsen beeilte sich, das zu bestätigen, offensichtlich froh, ein unverfängliches Thema gefunden zu haben. Tönnissen schnüffelte.
“Und was rauchen Sie da?” Harmsen nannte einen Namen, der Ottmar unbekannt war und erklärte, diese Sorte gebe es nur in den Ländern am persischen Golf. Ottmar versuchte ein Grinsen aber es wollte nicht recht gelingen. Im Gegenteil. Erneut spürte er dumpfen Zorn in sich aufsteigen. Dieser Mann da vor ihm hatte seine Sympathie nicht verdient. In keinster Weise. Warum auch.
“Na toll. Wer so etwas raucht, der schlägt auch kleinen Kindern das Butterbrot aus der Hand!”, sagte er zunehmend hitzig und Harmsens Gesicht verschloss sich wieder. Ottmar sah ihn drohend an.
“Scheren Sie sich weg. Sie können im Wagen auf meine Frau warten. Mit der habe ich erst noch zu reden!”
Harmsen erhob sich bleich und setzte sich in Bewegung, aber da kam Verenas Stimme aus der Diele. Sie war unbemerkt die Treppe heruntergekommen.
“Nicht nötig!”, sagte sie leichthin und Ottmar fuhr herum. Seine Augen funkelten.
“Ich glaube doch!”, konterte er scharf.
Verena hob die Augenbrauen während sich Knut Harmsen mit roten Ohren an ihnen vorbeidrückte, das fleischgewordene schlechte Gewissen. Verena lächelte ihn aufmunternd an.
“Warten Sie draußen. Ich komme bald!”
Ottmar starrte seine Frau zornig an, dann ging er an den Spirituosenschrank und goss sich einen großen Cognac ein. Verena musterte ihn schweigend. Auf ihren Lippen stand ein geringschätziges Lächeln. Als Ottmar die Haustüre ins Schloss fallen hörte, öffnete er den Mund aber Verena kam ihm zuvor.
“Meinst du nicht, es ist ein bisschen früh für Cognac?”
Er wollte anfangen zu schreien und musste alle Beherrschung aufbringen deren er fähig war, es nicht zu tun.
“Es ist ja wohl auch nicht zu früh für einen Seitensprung, oder?!”, sagte er mit ätzender Schärfe. Dann biss er sich auf die Zunge und empfand seinen Vorwurf als lächerlich und unangemessen. Er dachte an Mieke und in diesem Augenblick hasste er sich. Sie lächelte mokant und schüttelte den Kopf.
“Du spinnst! Oder falls das ein Witz sein soll, ist er nicht lustig!” Er lachte höhnisch auf. “Ach ja? Kannst du mir dann mal verraten, warum dein Assistent hier halbnackt herumsitzt?” …