Leseprobe Friesisch Blau

Exposé

Emden an der Schwelle vom 12. zum 13. Jahrhundert. Es ist die Zeit der frühen Hanse. Bis zu ihrer formellen Gründung wird es noch etwa 150 Jahre dauern, aber die ersten Blüten knospen schon. In den großen Städten bilden sich Bruderschaften von Kaufleuten, die zu Gleichgesinnten anderenorts Kontakt suchen und den Handel mit ihnen abstimmen. Sie einigen sich auf Verfahren und Gütestandards, sprechen sich über Handelsrouten und Umschlagplätze ab und leisten einander logistische Unterstützung. Im Laufe der Jahrzehnte flechten sie langsam aber stetig ein Netz von Beziehungen und Einfluss, legen es über Europa und wachsen so zu einer Macht, die sogar Fürsten und Königen die Stirn bieten kann. Als im Jahre 1358 erstmalig auch in offiziellen Dokumenten von den „Städten der Deutschen Hanse“ die Rede ist, tritt dieser Bund mit einem Paukenschlag auf die Bühne der Weltgeschichte; er verhängt nach einem Konflikt mit Flandern ein Handelsembargo gegen dieses Land, seine Tuchherstellung und seinen Fürsten, Graf Ludwig II. von Flandern, und setzt es mit Erfolg durch.

Das ist die Zeit Wibolt Flaskopers. Er führt das vom Vater geerbte Tuchgeschäft am Emder Delft, seinen Handel treibt er in der friesischen Region, auch im Emsland und gelegentlich sogar in London, aber Fernhändler vom Schlage der damals schon geheimnisumwitterten Gotlandfahrer kennt er nicht. Er hat auch andere Sorgen, denn plötzlich, Anno 1199 steht seine Sache schlecht. Angefangen hat alles mit einer Schafseuche, eine Herde, an der er Anteile hat, wird krank und unversehens geht der Wollertrag dramatisch zurück. Und mit ihm die Einnahmen. Zu allem Überfluss läuft auch die Walkmühle im Jeverland, deren Miteigner er ist, alles andere als gut und seine Einlage in einer Reederei bringt zwar Erträge, aber die muss er nutzen, um andere Verbindlichkeiten zu bedienen. Summa summarum steckt Wibolt Flaskoper in einer schwierigen Lage. Die verschärft sich weiter, denn sein Ehrgeiz treibt ihn zum Amt des Bürgermeisters seiner Stadt, das er jedoch nur als erfolgreicher Kaufmann erreichen kann. Hier hat er allerdings harte Konkurrenz, es gibt ehrgeizige Gegner in der Stadt, die später sogar zu Feinden werden.

Als die Lage aussichtslos erscheint, bietet sich über einen Kontakt zu Fernhändlern plötzlich die Möglichkeit zur Rettung,- über ein einziges, großes Geschäft. Wibolt soll große Mengen friesisches Blautuch liefern, der Bischof von Livland braucht es für die Mäntel seiner Soldaten, die der Kirchenfürst in einen Kreuzzug gegen die baltischen Semgallen führen will, die letzten Heiden Europas. In seiner Not schlägt Wibolt in den Handel ein, ohne zu wissen, wie er ihn bewältigen soll. Eigene Vorräte hat er nicht, seine üblichen Quellen können wegen der Seuche nicht liefern, und die Frist ist eng gesetzt. So kauft er das Tuch eilig auf den Märkten zusammen, wie er seiner habhaft werden kann. Doch die Hast führt ihn zu einem folgenschweren Fehler. Der Bischof will besonderes Tuch, nur neue Fäden darf es enthalten und mindestens 1600 davon auf den Quadratfuß soll es dicht sein, und in einem Fall erwirbt Wibolt Flaskoper Ware, die den geforderten Standard nicht erfüllt. Er ist sich dieses Mangels durchaus bewusst, und er nimmt ihn in Kauf, denn diese Ballen will er für einen späteren Handel in sein Emder Magazin legen. Gegen Ultimo aber, als der Zeitdruck immer größer wird, gerät gegen seinen Plan eben jenes Los doch in das Tuch, das Wibolt für den Bischof walken und färben lässt. Allein, es ist zu spät, er kann die Sache nicht mehr wenden, schließlich muss er liefern, sonst platzt das Geschäft. Also liefert er, was er hat. Dass er so gegen den Kodex ehrbarer Kaufmannschaft verstößt, liegt wie ein Berg auf seinen Schultern. Dass er als Kaufmann und als künftiger Bürgermeister von Emden erledigt ist, wenn der Casus ruchbar wird, steht ihm als ein Feuerzeichen vor den Augen.

In dieser wilden Zeit begegnet er seiner späteren Frau, der Seidenhändlerin Mieke le Clerck aus dem westfriesischen Groningen. Mieke vermittelt erste Geschäfte, sie hilft über schwere Tage hinweg, aber schon bald nach der Heirat muss er sie verlassen, denn sein Lübecker Verbindungsmann bei den Fernhändlern, Johann Kampen, macht ihm klar, dass er den Kreuzzug des Bischofs von Livland gegen die Semgallen begleiten sollte. Ein Handelsherr ist dort, wo seine Ware ist. Ein Heerzug wie dieser schafft Nähe zu hohen Herren des Adels und der Geistlichkeit, er zieht Kaufleute aus allerlei Länder und Gewerbe in seinen Tross, und eine solche Gelegenheit nutzt man tunlichst, um Kontakte für künftige Geschäfte zu knüpfen. Es bleibt Wibolts nichts übrig, als sich zu beugen. Also schifft er sich ein, fährt über Öland und Gotland bis ins Baltische und wird Teil dieses blutigen Zuges, der Europas letzte Heiden unterwerfen soll. Sein Tuch schlägt er los, der Prokurator des Bischofs nimmt es nach anfänglichem Misstrauen, und der Emder verliert in diesem Augenblick seine Unschuld als untadeliger Kaufmann. Am Ende des Feldzuges ist er nicht nur saniert, sondern er verfügt über ein Handelsprivileg des Bischofs von Livland, weitreichende Verbindungen, Optionen, Verträge und Geschäftspartner. Noch im Baltikum erreicht ihn die Nachricht, dass seine Frau Mieke Zwillinge geboren hat. Auf der Heimreise nach Ostfriesland macht er in Lübeck Station, wo er ehrenvoll in die Bruderschaft der Gotlandfahrer aufgenommen wird.

Wieder im Emden muss Wibolt Flaskoper erkennen, dass seine Feinde in der Stadt unterdessen die Oberhand gewonnen haben. Ihr ärgster, ein Viehhändler, ist sogar Bürgermeister. Er hat den Rat und den Magistrat mit seinen Leuten besetzt und treibt

insgesamt eine Politik, die dem Ruf von Emden nicht eben förderlich ist. Sich selbst hält Wibolt für keine Alternative, die Sache mit dem durch alte Fäden verunreinigten Tuch hängt ihm auch persönlich nach, er kann sie nicht mehr ungeschehen machen, aber sie treibt ihn zum Verzicht auf das Amt des Bürgermeisters. Auch deshalb, weil er sie nicht öffentlich gemacht oder gar im Rat diskutiert haben will. Aber seinem alten Feind, dem Viehhändler Jakob Moerman, die Stadt überlassen will er auch nicht. Also richtet er seinen letzten Kampf darauf, diesen Mann zu stürzen.