Leseprobe … doch Agamemnon schwieg

… doch Agamemnon schwieg

Kurzbeschreibung:
Auf welche Weise starb Goliath tatsächlich? Wie versank Atlantis und welche Gefahren lauerten auf den Handelswegen Nordafrikas mehr als tausend Jahre vor Christus?
Nicht wenige Ereignisse in der Menschheitsgeschichte liegen auch Heute noch im Dunkeln. Wo die Forschung keine Antworten hat, ranken sich Legenden und helfen Vermutungen. Viele dieser Erklärungsversuche halten jedoch einer Nachprüfung nicht stand. Der Fall Trojas etwa, in der beschriebenen Weise, ist offensichtlich unsinnig. Man kann nicht über Nacht mehr als vierzigtausend Kämpfer verschwinden lassen und sie ebenso geheimnisvoll wieder herbei zaubern. Nicht zu reden von einem Stadttor, dass nach mehr als zehn Jahren blutigstem Belagerungskrieg völlig unzureichend gesichert wird und ganz zu schweigen von einem bauchigen Holzpferd, das man nach dieser Erfahrung mehr als arglos hinter die Mauer holt.
Mit meinem Erzählband „… doch Agamemnon schwieg!“ biete ich spannende Alternativen zu überkommenen Lösungen. Troja fällt auch bei mir und Goliath verliert seinen Kopf, aber glaubwürdiger und, vor allem, spannender. Es würde mich freuen, wenn Sie meine Meinung teilten.

Das Fallen der Sterne

Irgendwo draußen, weit vor Westafrika, zu der Zeit, als Gott noch strafte…

Wenn die Meteoriten fallen, zeigen sich Feuerfahnen am Himmel. Sie ziehen weithin sichtbare Rauchspuren hinter sich her. Man hört sie kommen, donnerndes Grollen, Rauschen und Pfeifen erfüllt die Luft und ängstigt die Menschen bis zum Irrsinn, treibt sie zu panischer, kopfloser Flucht. Das Grollen steigert sich zu archaischem Brüllen, die Luft wird unerträglich heiß, von oben her staut sich ein Druck, der Menschen das Blut aus der Haut preßt  und Häuser  einstürzen läßt. Dann Einschläge, fürchterliche Einschläge erschüttern die Erde, reißen gewaltige Stücke Land in die Tiefe, setzen alles Umliegende in Brand. Das Meer kocht. Wer sich in Verzweiflung hineinstürzt, findet den Tod in wenigen Augenblicken.

Admiral Drako, der Oberbefehlshaber der Flotte, hatte auf Geheiß des Königs seine Schiffe auslaufen lassen, unmittelbar, nachdem der erste Meteorit den Westteil des Inselreiches verwüstet hatte. Die Flotte war das Herzstück der Seemacht Atlantis‘ und mußte um jeden Preis vor Zerstörung bewahrt werden. Vor den fassungslosen, entsetzten Augen vieler, zur Starre erschrockener Menschen war die Flotte zerschlagen, in einem plötzlich niedergehenden Feuerregen förmlich verzehrt und unter Wasser gedrückt worden. So, als wollte eine feindliche, überirdische Macht das Auslaufen der Schiffe verhindern. Wenig später war der westliche Teil des Königreiches von der übrigen Inselplatte abgebrochen und gesunken. Einfach verschwunden. Fast ohne einen Laut, nahezu geräuschlos. Das schreckliche Brausen in der Luft, das Todesstöhnen des geschundenen Kontinents, verstummte für einen, diesen einen Augenblick. Es sah aus wie eine Opferung, eine religiöse Zeremonie….

Als Nahuta in den Thronsaal getragen wurde, entstand große Unruhe unter den Höflingen. Vereinzelt hörte man Schreckensrufe und Schluchzen. Jeder, der noch Hoffnung gehabt hatte, sah sie nun begraben und Entsetzen machte sich breit. Der König trug eine Kopfhaube in Gelb, der Farbe des Trauers. Er hielt sich sehr gerade, aber an seinen Wimpern hingen Tränen. Ti-Rah, der Hohepriester, folgte dem Tragestuhl mit müden, schwankenden Schritten. Er hatte sein Gewand über der Brust zerrissen. Sein graues Haar klebte in Strähnen an der schweißnassen Stirn. Er hielt die Augen wie im Krampf fest geschlossen, einer seiner Schüler führte ihn an der Hand. Muscheltrompeten begleiteten die Prozession bis zur Empore. Die Musikanten spielten einen Trauermarsch, der mit dumpfem Klagen endete. Zu diesem Zeitpunkt war Atlantis dem Untergang schon sehr nahe. Die Signalfeuer der äußeren Provinzen von lodernden Bränden verschluckt, die polierten Silberspiegel zur Weiterleitung von Nachrichten längst verflüssigt, verdampft. Das Reich der alten Könige brach förmlich auseinander. Ganze Landstriche wurden entvölkert, verschwanden im Meer. Es schien, als sähen sie, nun, da sie keine Menschen mehr zu tragen hatten, ihre Aufgabe als erledigt und ihre weitere Existenz als nutzlos an. Als Nahuta in den Saal getragen wurde, war er der Herrscher eines sterbenden Volkes, König eines Reiches, an dessen Häuser und Paläste das Verderben klopfte, kalt und unerbittlich.

Die Träger ließen den Stuhl auf der Empore nieder und legten sich, dem Brauch des Hofes entsprechend, neben der Erhöhung zu Boden, das Gesicht nach unten gewandt. Die Muschelbläser bargen ihre Instrumente in den Falten ihrer Gewänder und senkten die Köpfe.  Ti- Rah und sein Schüler, von denen er viele hatte und von denen jeder im Reich wußte, daß sie auch seine Lustknaben waren, standen neben dem Thron, die Rechte des Hohepriester stützte sich schwer auf der Schulter des Jungen. Für einen langen Augenblick herrschte Todesstille in dem riesigen Saal. Von draußen hörte man dumpfes Rauschen und das Grollen ferner Einschläge. Der Mund des Königs hatte sich in schmerzhafter Spannung verzogen, bei jedem Geräusch zuckte ein Muskel an seinem Kinn. Schließlich sah Nahuta auf. Sein Blick wanderte durch den Saal aber die Augen, in denen unendlicher Schmerz stand, schienen wie entrückt, auf etwas sehr fernes gerichtet. War dies das Ende der Welt, das Ende seiner Welt, die schon seit langem erwartete Strafe der Götter? Er bedachte die Zeit seiner Regentschaft, die außenpolitischen Erfolge, den Zustand des Reiches in seinem Inneren. Atlantis hatte Kriege geführt, auch ungerechte, es hatte Völker versklavt wie etwa die Stämme der Verzora in den südlichen Meeren, und es hatte in seiner Gesellschaft schädliche Entwicklungen zugelassen, ungute und dekadente Bräuche, grobe, entartete Verstöße gegen die Sittlichkeit, vor denen die Alten gewarnt und die er und einige seine Vorgänger dennoch zugelassen hatten. Gewiß, es hatte eine Epoche gegeben, in der Atlantis segensreich gewirkt hatte. In der seine Könige fremde Reiche nicht eroberten um sie auszubeuten, sondern um ihnen die Freuden von Entwicklung und Kultur zu bringen. Es war der Teil seiner Geschichte, in dem Atlantis zum unerschöpflich speisenden Quell des Fortschrittes und der Tugend für eine ganze Hemisphäre wurde. Das war lange vorbei. Die Dinge hatten sich zum Schlechten verändert. Das Licht der Redlichkeit und der Güte war erloschen, erstickt von den Schatten der Selbstsucht, der Verderbtheit und der Arroganz. Und Nahuta wußte: sie alle waren schuldig. Die Eliten seines Landes, ja, sogar das einfache Volk. Und vor allem er selbst. Er vor allem. Er hatte geduldet, zugesehen, auch weggesehen. Hatte ignoriert, wo seine Pflicht Aufmerksamkeit gewesen wäre. Hatte toleriert, wo er hätte strafen müssen. Wie schon sein Vater, der nicht eingeschritten war, als man im Volk begann, das alte Tabu der Inzucht zu verletzen. Wie schon sein Großvater, der es zuließ, daß wichtige Prinzipien der rechtsstaatlichen Ordnung den Dünkeln des Adels zum Opfer fielen. Und schließlich er selbst, der nicht die Kraft gehabt hatte, den Klerus zu disziplinieren, damals, als Ti-Rah ihm hochfahren und blasiert erklärt hatte, die Knabenliebe sei den Göttern gefällig und den Priestern gemäß. Gewiß, er war jung, unerfahren und voller Selbstzweifel, gerade ein Jahr auf dem Thron und klammerte sich an alles, was seine Macht stützte. Also auch an den Klerus. Aber er wußte, es war falsch, mehr noch: eine Sünde. Vielleicht sogar eine Todsünde. Die Pervertierung der Untugend zur Tugend. Die offene Mißachtung der Gesetze der Natur. Die flagrante Ablehnung des Schöpfungsplanes. Die gröbste, die unverzeihlichste Form der Lossagung von allem, dessen der Mensch in seiner Nichtigkeit an göttlichem Beistand bedurfte: die Blasphemie. Er sah hinüber zu Ti-Rah, musterte diesen alten Mann, der sich gebrechlich und hinfällig auf seinem Knaben stützte, immer noch weinend, und den er doch so ganz anders kannte, intrigant, verderbt, dünkelhaft, rücksichtslos in der Durchsetzung seiner und der Priesterschaft Interessen und in diesem Augenblick haßte er ihn. Sein Tod schien ihm mehr als gerechtfertigt. Er sah die rechte Hand des Knaben in einer Falte des Gewandes Ti-Rah’s verschwinden und wandte den Blick ab. Es gab keine Rettung. Sie waren verloren. Alle. Ohne Ausnahme. Nahuta lehnte sich zurück und schloß die Augen. Es gab nichts mehr zu tun. Er dachte an seine Kindheit, sah Bilder seines Lebens als Kronprinz, das erste königliche Gewand mit den rot abgesetzten Schultern, den goldenen Stirnreif. Er sah sich, vereint mit seiner ersten großen Liebe, Mori, der Tochter des Kommandeurs der Palastwache, die mißbilligenden Blicke seiner Mutter, den Streit mit seinem Vater, dem König, als er, Nahuta, sich weigerte, die Offizierausbildung zu durchlaufen, wie es für Thronfolger Sitte war. Er sah die schrecklichen Bilder seiner Mutter auf dem Sterbebett, schreiend vor Qual, gefoltert  durch die Schmerzen einer Krankheit, von der sich die Leibärzte resigniert und in tiefster Ratlosigkeit abgewandt hatten, sah den Vater zuerst toben, das Schwert in der Hand, dann hilflos weinen und er hörte die Höflinge um ihn herum. Hörte ihr aufgeregtes Rufen, ihr verzweifeltes Sprechen, ihr Klagen und er verschloß die Ohren vor alledem. Es war nicht mehr seine Sache. Er war müde, todmüde.

Zwei, drei fürchterliche Einschläge, alle sehr nah, ließen den Hof zunächst entsetzt und mit stockendem Atem verstummen, dann brach Panik aus. Es war Ti-Rah, der Hohepriester, der irgendwann mit einem markerschütternden Schrei auf die Schwelle des Palastes wies. Das Wasser war da. Es lief über die Stufen der Eingangstreppe verteilte sich, stieg. In diesem Augenblick zog  Nahuta wortlos sein Schwert, kehrte es mit der Spitze zur Brust und stürzte sich nach vorn. Als der nächste Stern den Palast traf und ihn förmlich zermalmte, war der König schon tot.

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„Es ist getan.“, sagte Gott und legte den glühenden Stein zur Seite. Seine Stirn war umwölkt und der Zorn hatte Seine Augen gerötet.
„Warum, Herr?“, fragte Abraham und Lot hob den Kopf.
Gott der Allmächtige wandte sich um. Die heftigen Bewegungen hatten Sein Gewand in Unordnung gebracht. In Seinem Rücken stand plötzlich ein rotes, drohendes Leuchten.
„Ich habe Atlantis geliebt, so wie Ich Sodom und Gomorra geliebt habe. Die Stadt war gut und wohlgeraten, doch dann verfiel sie der Sünde“.
Er verstummte. Der Raum vibrierte in sphärischen Klängen, während unten die letzten Reste Atlantis’ im Meer versanken. Lot hatte den Kopf tief gesenkt. Seine Schultern zuckten.
„Sie verfiel der Sünde, Herr?“, fragte Abraham nach langem Schweigen und er sah, wie sich das Gesicht des Allmächtigen erneut verfinsterte.
„Sie verfiel der Sünde mit allem, was in ihr war“, sagte Er hart und richtete sich auf.
„Aber es war nicht nur die Sünde. Es war die Art, in der sie hingenommen, verinnerlicht und Teil des Lebens wurde!“
„Welche Sünde, Herr?“, fragte Abraham heiser und Gott sah zu Lot hinüber, der die Arme über der Brust verschränkt hatte.
„Rede Mir nicht davon. Der Narzißmus und die Päderastie waren noch die geringsten unter allen Untaten, mit denen sie Mich beleidigt hat. Und die Hoffahrt. Und die Maßlosigkeit in allen Dingen. Doch Mein Zorn traf sie wegen ihrer abgrundtiefen Gottlosigkeit. Sie leugnete Mich, indem sie sich selbst über alles stellte. Sogar über die Tugenden der Gerechtigkeit und der Liebe“.
Und da Abraham schwieg und nichts sagte, hob der Allmächtige die Stimme.
„Höre! Ich bin der Zürnende, der Strafende Gott. Atlantis mußte sühnen wie Sodom und Gomorra sühnen mußten!“
„Aus diesen Gründen, Herr?“
„Auch aus diesen Gründen. Einer fehlt noch. Der wichtigste“. Dann wurde es still und sie hörten Lot wimmern.
„Es gab keinen Gerechten mehr in dieser Stadt!“ sagte Gott bitter. Abraham sah Ihn unverwandt an.
„Nicht einen?“, flüsterte er.
„Nicht einen!“, sagte der Herr und Seine Augen füllten sich mit Tränen.