Leseprobe Die holländische Brille

David Fabricius

Der Schöpfung Mythos atmet unendliche Fülle,- das Leben ist dürre Bescheidung


Exposé

 

Die Länder der Deutschen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Reformation hat Einzug gehalten und das Leben ergriffen, aber ihre Feinde formieren sich. Im Konzil von Trient haben sie ihre Klingen geschärft, Papst Pius IV. hat sie gesegnet, und nun werden sie gezogen, damit Blut fließe. Die sie in den Fäusten halten, haben sich den Deckmantel der Glaubenshüter umgeworfen, der Bewahrer des Erbes unseres Herrn Jesus Christus, der Gegenreformation. Doch wieder einmal geht es nicht um den Kampf zur Gewinnung höherer Einsichten in den Dingen des Glaubens, sondern um weltliche Macht. Es ist eine raue, eine wirre, eine grausame Zeit, in der ein Christenmensch seine liebe Mühe hat, mit sauberen Händen über die Tage zu kommen.   

Ostfriesland leidet unter den schlimmen Zuständen, und es verzweifelt an der jämmerlichen Unfähigkeit des Hauses Cirksena, mit ihnen fertig zu werden. Den Grafen von Ostfriesland fehlt es in diesen Tagen an Kraft und Weitsicht, dem Volk Halt und Führung zugeben. Das zeigt sich erstmals bei Graf Enno II, der die Säkularisierung der Klöster „durchsetzt“, indem er befiehlt, alles Messgerät in Gold und Silber an ihn abzuliefern. Danach erlahmt sein Interesse schnell, und er lässt die Dinge treiben. Schlimmer noch wird es bei seiner Witwe, Gräfin Anna. Sie nimmt nach Ennos Tod für ihre drei unmündigen Söhne das Ruder der Regentschaft, aber sie führt es unstet und unsicher, bei weitem überfordert. Ihr zweifellos schwerster Fehler ist es, alle ihre Söhne mit der Reichsgrafschaft über Ostfriesland belehnen zu lassen. Damit verstößt sie nicht nur gegen die durch Edzard I. (den Großen) erlassene Primogeniturordnung, nach der ihrem Sohn Edzard als dem Ältesten der Grafenhut zugestanden hätte, sondern sorgt vor allem für eine weitere Schwächung der Strukturen, die geeignet gewesen wären, Ostfriesland zu ordnen. Nun, die Katastrophe folgt auf dem Fuße.

Als David Fabricius im Jahre 1564 geboren wird, herrscht Chaos in Ostfriesland. Es gibt drei regierende Grafen hier, nach dem Tode Graf Christophs 1566 noch zwei, aber das reicht völlig, um das Land an den Rand des Zusammenbruchs zu treiben. Die beiden Grafen regie-ren verbissen gegeneinander, jeder hat seine eigene Verwaltung, seinen Kanzler, seine Räte. Entscheidungen des einen treffen auf Gegenmaßnahmen des anderen, und bald weiß niemand mehr, welcher Befehl gilt, welcher Order zu folgen ist. Es kommt sogar zu Ausein-andersetzungen um Ämter und Gemarkungen, die mit Gewalt ausgetragen werden. Die Folge ist ein rapider Verfall landesherrlicher Autorität.

So wächst der junge David auf in einer Zeit der Unordnung und der Unsicherheit. Sein Vater heißt noch Jan Jansen, er ist Schmied, die Arbeit ist schwer und das Leben hart. Es ist wohl die Mutter, Talke, die durchsetzt, dass der Junge ab 1580 die Lateinschule in Braunschweig besuchen darf.

Im Januar  1583 sehen wir ihn als Studenten der Theologie an der Universität Helmstedt, er immatrikuliert sich als „David Faber Esensis“ und nutzt damit erstmals eine latinisierte Form des väterlichen Berufs als Namen. Bereits ein Jahr später heiratet er die verwitwete Tochter eines Schankwirts und wird Pastor in Resterhafe.

Anno 1584 fällt ihm das Sterberegister des Minoritenklosters in Gent in die Hände, es sind noch viele Seiten darin unbedeckt, und er beginnt sein „Calendarium Historicum“, das zunächst Wetteraufzeichnungen, später auch allgemeines Zeitgeschehen und astrono-mische Beobachtungen erfasst.

Mit der Rückkehr nach Ostfriesland wird er erneut Teil dieses wirren Lebens, das in einer brisanten Mischung aus Religionskrieg und blutigem Machtspiel gerade hier einen Brenn-punkt gefunden zu  haben scheint. Doch Fabricius ist guten Mutes, er ist Pastor und betrach-tet die Sterne, er lebt gottesfürchtig und stürzt sich gleichermaßen in Gemeindearbeit und Wissenschaft. Die Welt, so denkt er wohl, die Welt da draußen, die gehe ihn nichts an. Und in der Tat, die Lage  scheint sich zu beruhigen, als am 19. September 1591 Graf Johann stirbt und damit Graf Edzard II. endlich Alleinherrscher in Ostfriesland ist. Die Primogenitur ist wiederhergestellt, die Reichsgrafschaft unter einer Führung vereint.

Aber die Erleichterung wärt nur kurz, denn Edzard erweist sich als unfähiger Landesherr. Er ist unfähig, die Stände hinter sich zu bringen, er ist unfähig, den schwelenden Konfessions-streit  mit der Stadt Emden zu beenden und er ist unfähig, das Land zu führen. Stattdessen stürzt er sich in unsinnige politische Konflikte, deren Abläufe er nicht steuern, der Folgen er nicht übersehen kann.

Fabricius ist zu dieser Zeit schon ein gefragter Kartograph, er hat Kontakt zu dem berühmten dänischen Astronomen Tycho Brahe und entdeckt am 13. August 1596 einen neuen Stern im „Walfisch“. Ab 1601 steht er sogar in Briefwechsel mit dem legendären Johannes Kepler, mit dem er astronomische Fragen auf höchstem Niveau diskutiert. Der Pesttod seiner Mutter erschüttert ihn, wie ihn die Geburt eines Kindes erfreut, es sind die kleinen Dinge des Lebens, die ihn beschäftigen und gefangen halten. Er denkt, die hohe Politik, die Emder Revolution, das Gären unter den Ständen, das Hauen und Stechen an der Knock, das plötzlich Auftauchen von marodierendem niederländischen Militär, das alles ist nichts für ihn, er kann sich heraushalten.

Er irrt. Er kann sich nicht heraushalten. Schon ab 1602, als die Gräfin Anna Taufpatin seiner Tochter wird, heben sich in Ostfriesland Köpfe. Die Nähe zum Grafenhaus ist für Fabricius auch ein Gebot der Vernunft, von hier wird er nicht nur ermuntert zu veröffentlichen, er erhält auch die erforderlichen Mittel, und die Studien des Sohnes Johann wären ohne das Silber der Cirksena unmöglich. Denn das Gehalt eines Pastors ist karg, und die Prognostiken und Kalender, die er für die Bauern macht, reichern den Küchenzettel kaum an.

Im Jahre 1604 wird er Hofprediger in Aurich, und spätestens jetzt ist er Partei, Teil des Spiels, ob er will oder nicht. Plötzlich hat er Feinde, sie sitzen am Emder Delft. Und nun ist auch er, wie sein Herr, das Ziel der Angriffe eines Johannes Althusius und eines Menso Alting, dieses wortgewaltigen Predigers, denn er dient einem Landesfürsten, der zu einem Ausgleich mit den calvinistischen Strömungen Emdens nicht willens und nicht in der Lage ist. Fabricius schwimmt mit, so gut er kann, stürzt sich in die Arbeit, schreibt, studiert.

Bereits 1603 übersiedelt er nach Osteel, – in Resterhafe sind  ihm die holländischen Soldaten zu nah-, um dort auf gräfliche Empfehlung eine freie Pastorenstelle anzutreten.

Er entdeckt eine Supernova im Sternbild Ophiuchus (Schlange) und glaubt im Herbst 1604, in einer großen Konjunktion von Mars, Jupiter und Saturn die Wiederkehr der Bestirnung bei Christi Geburt zu erkennen. Sein Verhältnis zu Johannes Kepler trübt sich ein, als der ihm erklärt, dass die Bahn des Mars kein Kreis sei,  sondern eine Ellipse, und mit den anderen Planeten verhalte es sich ebenso. Fabricius widerspricht, hält das für neumodische Ketzerei, versucht Kepler umzustimmen, und gerät darüber mit ihm in Streit. Zwar sind sie im helio-zentrischen Weltbild des Kopernikus grundsätzlich einig, aber bei der Ellipse will Fabricius nicht folgen. Es wird stiller zwischen den beiden.

Der Pastor in Osteel ist ein guter Hirte, er weidet seine Schafe im Sinne des Herrn, und findet trotzdem Kraft und Zeit zur Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse. Er gibt eine Chronik über Ostfriesland in Druck und beobachtet im September 1607 den Halleyschen Kometen. Der Tod des Vaters 1608 fällt zusammen mit der Erfindung des Fernrohrs durch den holländischen Brillenmachermeister Hans Lipperhey, sein Sohn Johann, seit 1609 Student der Medizin im holländischen Leiden, wird als erster Fabricius ein solches Wunder-werk in den Händen haben. Das Jahr 1609 sieht schließlich den Abbruch des Briefwechsels zwischen Fabricius und Kepler, dem der Ostfriese auch in weiteren Fragen der Astronomie nicht zustimmen will. Er selbst entdeckt die „res mira“ im Sternbild Walfisch neu, die er im August 1596 aus den Augen verlor, und nimmt fasziniert von Galileis Entdeckung der Jupi-termonde Kenntnis.

Im Jahre 1611 entdecken er und sein Sohn Johann die Flecken auf der Sonne, aber sie schreiben nicht zeitnah darüber, und so kommt ihnen Galilei mit einer Veröffentlichung zuvor, die er „Briefe über die Sonnenflecken“ nennt. Es ist auch der Italiener, der das Fernrohr von Hans Lipperhey zu einem wissenschaftlichen Instrument fortentwickelt, und eigentlich den Schatz hebt, der mit der Entdeckung sichtbar wurde. Fabricius bewundert den Mann aus Pisa noch immer, aber er schätzt ihn nicht mehr. Er hält ihn nun für einen überaus geschickten wissenschaftlichen Profiteur. An diesem Punkt spiegeln sich auch die Verhält-nisse der astronomischen Eliten dieser Zeit. Man steht im Briefwechsel zueinander, ja, und man tauscht Erkenntnisse und Erfahrungen aus. Das ist die eine Seite. Die andere ist die des wechselseitigen Belauerns, der Missgunst, des Neides und der Konkurrenz, die Angst, überholt zu werden, zu spät zu kommen. Da werden Briefe nicht beantwortet, man hüllt sich Monate in Schweigen oder gibt auf Fragen nur vage Auskünfte. Und immer bohrt die Ungewissheit: wie weit ist der andere, weiter als ich? Was weiß er, das mir noch dunkel ist? Kepler erlebt das bei Galilei, er beklagt sich bei Fabricius darüber. Der kennt diese Erfahrung nicht, aber sie bringt ihn dazu, „den Italiener“ noch weniger zu mögen.

Der Pastor veröffentlicht 1612 als Kompilator Reiseberichte über West-und Ostindien und im Jahre 1614 eine Karte des Amtes Bederkesa. Im Januar 1617 erreicht ihn die Nachricht vom Tode seines Sohnes Johann, der auf der Reise nach Basel, wo er zum Doktor der Medizin promoviert werden soll, auf ungeklärte Weise ums Leben kommt. In dieser Lage greift er nochmals zur Feder, um Kepler seinen Schmerz mitzuteilen. Aus den Zeilen klingt bereits deutliche Verzagtheit, nachlassendes Interesse an der Wissenschaft und Lebensüberdruss.

Sein Leben verliert David Fabricius wegen einer Banalität. Es gibt in Osteel einen Menschen, der den Bauern der Gemeinde das Kleinvieh aus den Ställen holt. Derlei kommt vor, und wenn man den Burschen fängt, dann fühlt er den Nachrichter. Der Pastor predigt ab und an scharf über das Laster des Stehlens, und damit hat es sich. Auch Fabricius hat seine Hühner und Gänse. Als ihm die Magd eines Morgens, es ist Sonntag, der 7. Mai 1617, den Verlust eines Tieres meldet, ist der Pastor zu recht empört. Man bestiehlt nicht! Und seinen eigenen Pastor schon überhaupt nicht. Wer stiehlt ist ein Sünder, und wer seinen Pastor bestiehlt ein nichtwürdiger Hundsfott. Fabricius dampft vor Zorn, als er an diesem Tag auf die Kanzel seiner Kirche steigt. In der Predigt lässt er Feuer und Eisen regnen, es ist eine wahre Philippika, und die Gemeinde duckt sich. Der Pastor meint niemanden im speziellen, aber er wirft seinen Blick häufig in die dunklen Nischen der Kirche, dorthin, wo in einer auch Frerich Hoeyer sitzt. Fabricius begegnet dem Mann auf seinem üblichen Abendspaziergang, und da hat Frerich einen Torfspaten in seinen groben Händen.

„Was willst du denn jetzt noch im Torf herum stechen, Frerich?“ fragt Fabricius ohne Arg, aber der andere schweigt und verstellt ihm den Weg. Er trägt einen ärmellosen Kittel, seine Muskeln sind angespannt. Dann hebt der Bauer zu einer längeren Rede an, seine Worte kommen stoßweise und ungeordnet, man sieht ihm an, dass er bis in den Grund seiner Seele erregt und aus dem Gleichgewicht ist. Fabricius kommt nicht zu einer Antwort, der andere lässt ihm keine Gelegenheit, und dann hebt er den Spaten und schlägt. Schlägt noch einmal, und dann ein drittes Mal. Schlägt, bis der Pastor im Blut liegt und sich nicht mehr rührt.

Aber diesmal sind die Polizeibüttel geschickter. Sie fassen Frerich Hoeyer schnell. Er selbst stirbt vier Tage später auf dem Rad.